Wenn die Natur als Maßstab ausdient

Podiumsdiskussion „Von Hippokrates bis High-Tech-Medizin – Fortschritt mit Tücken?“ in Mainz

Hier können Sie Statements und Debatte anhören

Fortschritt in der Medizin ist ein Thema, das nicht nur die Behandlungsmöglichkeiten von Ärzten betrifft. Es wirft grundlegende kulturelle und gesellschaftliche Fragen auf, deren Antworten immer wieder neu gefunden werden mussten und müssen: Was ist eine Krankheit? Wie weit dürfen Ärzte einen gegebenen Zustand verändern? Welche Kosten muss heutzutage die Solidargemeinschaft tragen – und welche nicht? Um diese spannenden Fragen ging es bei der Podiumsdiskussion „Von Hippokrates bis zur High-Tech-Medizin – Fortschritt mit Tücken?“, die am 18. November 2011 in Mainz stattfand. Ort des Geschehens: Das Römisch-Germanische Zentralmuseum (RGZM), eine Einrichtung der Leibniz-Gemeinschaft, in dem unter anderem eine Reihe antiker Funde medizinischer Geräte zu bewundern ist.

Das Podium (v.l.n.r.): Dr. Enst Künzl, Prof. Dr. Renate Wittern-Sterzel, Moderatorin Katja Heijnen, Prof. Dr. Norbert Pfeiffer




Zwei Experten und eine Expertin waren geladen, die sich mit dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beschäftigen. Ernst Künzl, Archäologe und Buchautor sowie ehemaliger Direktor des RGZM, gab einige Einblicke in Erkenntnisse, die aus archäologischen Funden zur Medizin der Antike gewonnen wurden. So zeigen militärhistorische Funde, dass das Prinzip der Fürsorge schon damals galt, da man erkannt hatte, dass diese besser und billiger ist als „Ersatz“ durch neue Soldaten, die angelernt werden mussten. Funde in Pompeji zeigen, wie gut die Versorgung mit Ärzten zur damaligen Zeit war: Auf 500 Menschen kam ein Arzt, eine Versorgungsdichte, die erst im 20. Jahrhundert wieder erreicht wurde. Außerdem zeigen Funde, dass im Römischen Reich auch Frauen als Ärztinnen tätig waren, sie machten etwa fünf Prozent der Ärzteschaft aus. „Das klingt zunächst nicht nach viel – ist aber beachtlich, wenn man bedenkt, dass in Deutschland Frauen erst ab 1890 zum Medizinstudium zugelassen wurden“, berichtete Künzl.

Norbert Pfeiffer, Direktor der Augenklinik der Universitätsmedizin Mainz, näherte sich dem Thema von einer ganz anderen Warte: Er berichtete von Operation am Grauen Star, der häufigsten Operation in Deutschland überhaupt – vier von fünf Deutschen, die 80 Jahre und älter werden, sind betroffen. „Das Auge ist meist nur ein Steinzeitleben lang haltbar“, erklärte Pfeiffer. Am Grauen Star zu erkranken bedeutete für unsere Vorfahren das Todesurteil, denn blind hatten sie kaum Überlebenschancen. Die Operation selbst hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert – in der Antike wie heute wird mit einer Starnadel in das Auge und unter die Linse gestochen, um die trübe Flüssigkeit zu entfernen, damit der Patient oder die Patientin wieder sehen kann. Was sich allerdings – dank der Entwicklungen von Anästhesie und des technischen Fortschritts – bei Operationen generell geändert habe, seien zum einen „die Vorstellungen von Schmerzen, von dem, was auszuhalten man bereit ist“, und auch das Arzt-Patient-Verhältnis: „Der Arzt ist weiter weg vom Patienten“, diagnostizierte Pfeiffer. Ein Kernproblem der aktuellen Medizin sehe er vor allem darin, was ‚Krankheit‘ für uns heißt: „Wir haben die Psychosomatik lange Zeit vernachlässigt, weil die Somatik, also die nur auf den Leib bezogene Behandlung, scheinbar immer erfolgreicher war – ein Fehler“, befand der Mediziner. Eine andere kritische Frage: „Sollten wir alles machen, was machbar ist?“, gab Pfeiffer zu bedenken. Wichtig sei auch zu überlegen, für welche Dinge wir eventuell kein Geld ausgeben wollen – hier seien nicht nur die Mediziner gefragt, sondern die Gesellschaft und jeder Einzelne.

Renate Wittern-Sterzel, emeritierte Professorin für Medizinethik und -geschichte, stellte in ihrem einführenden Beitrag Linien der Kontinuität in der Medizin seit Hippokrates dar. Der auf seinen Ideen beruhenden „neuen Medizin“, die bis in das 19. Jahrhundert gelehrt wurde, ging es nicht nur um empirische Heilung, sondern auch um grundsätzliche Fragen wie: Ws ist der Mensch? Was ist eine Krankheit? Ärzte orientierten sich am Ursache-Wirkung-Mechanismus und übten sich in rationaler Betrachtung von Krankheiten, für die nicht ein zürnender Gott verantwortlich gemacht wurde. Zentral bei Hippokrates war die Vier-Säfte-Lehre: Diese – gelbe Galle, schwarze Galle, Blut und Schleim – waren beim Gesunden in einem bestimmten Mischungsverhältnis vermengt; war dieses Verhältnis gestört, wurde man krank. Der antike Arzt Galenus griff diese Idee auf und baute sie zu einem therapeutischen System aus, dessen Grundzüge zum Teil auch heute noch gelten. „Dieser rationale Zugang zum Körper und seinen Krankheiten darf allerdings nicht verwechselt werden mit einem naturwissenschaftlichen Blick“, erklärte Wittern-Sterzel: „Die Griechen sahen die Natur als Richtschnur allen ärztlichen Handelns an, in deren Dienst sich jener zu stellen hatte – und nicht umgekehrt.“ Dies änderte sich in der Neuzeit: Francis Bacon definierte neue Aufgaben für die Ärzte, indem er ihnen auftrug, sich auch mit unheilbaren Krankheiten zu befassen, sprich: die Natur zu korrigieren.

An diesem Punkt wurde die Diskussion eröffnet; Norbert Pfeiffer nahm sogleich Bezug auf Renate Wittern-Sterzels letzten Punkt: „Wir haben Angst vor der Natur“, bescheinigte er unserem Zeitalter. „Dass der Mensch mit allen Mitteln gegen das angeht, was die Natur vorgibt, gab es früher nicht“, bestätigte Wittern-Sterzel. Pfeiffer forderte, dass ein gesellschaftlicher Konsens über sinnvolle und nicht sinnvolle Eingriffe und Behandlungsmethoden entwickelt werden müsse: „Politik und Kostenträger wiederholen gebetsmühlenartig, es werde alles finanziert, dabei ist das schon jetzt nicht mehr so – und diese Entwicklung wird sicher weitergehen.“ Künzl wies darauf hin, dass die Solidargemeinschaft aller Beitragszahler, historisch betrachtet, ohnehin eine neue Entwicklung sei. „Krankheiten des Überflusses und der Unvernunft, wie Hypertonie und Diabetes, das wären meine Streichkandidaten“, sagte Mediziner Pfeiffer ganz offen, seine Forderung: „Wir übernehmen immer weniger Verantwortung für unsere Krankheiten – da müssen wir raus“. An dieser Stelle lohnt, wie Wittern-Sterzel zeigte, einmal wieder der Blick in die Geschichte der Medizin: So sah der antike Arzt sich als Gesundheitserzieher, die Diätetik – die Lehre von der Gesundhaltung des Körpers – war ein Hauptziel der Behandlung. Hier könnten heutige Ärztinnen und Ärzte wohl einiges von ihren damaligen Kollegen lernen.

Die Podiumsdiskussion war eine Kooperation des Projekts “Gesundheit! Mehr Wissen im Museum” mit dem RGZM und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.

Text: Wiebke Peters
Foto: Christina Nitsche / RGZM

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