Von Schaben und Schlangenbissen

Thementag „Klimawandel und Gesundheit“ in Frankfurt

Thementische "Klimawandel und Gesundheit"

Fast fingerlang ist das Insekt, das auf der Hand von Raphael Frank herumkrabbelt, eine Madagassische Fauchschabe, eine Art, die man bei uns nur in Terrarien findet. Wie es sich anfühlt, so ein Tier auf den Fingern zu balancieren, konnten mutige Kinder und Erwachsene beim Thementag „Klimawandel und Gesundheit“ im Senckenberg-Naturmuseum in Frankfurt am Main ausprobieren. „Auch wenn sie fremdartig aussehen und laut fauchen können, diese Kakerlaken sind harmlose Tiere“, erklärte Frank, Doktorand im Biodiversitäts- und Klimaforschungszentrum (BiK-F). Er betreute einen von dreizehn Aktionstischen, an denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von BiK-F über verschiedene Pflanzen- und Tierarten informierten. Und natürlich warenRaphael Franks große Schaben eine der Hauptattraktionen an den Tischen.

Auch gefährlichere Tiere konnten in Augenschein genommen werden: BiK-F-Forscher Ulrich Kuch hatte verschiedene Giftschlagen mitgebracht. Klapperschlange, Lanzenotter und Korallenschlage waren dabei, sie alle stammen aus Panama. Diese Tiere leben allerdings nicht mehr: Sie sind in Formalin eingelegt und werden in größeren und kleineren Gläsern aufbewahrt. Ulrich Kuch und sein Team von der erforschen die Biodiversität giftiger Schlagen auf der ganzen Welt, das heißt, sie erfassen neue Arten und deren Gifte. Außerdem helfen sie dabei, passende Seren zur Anwendung in unterschiedlichen Ländern zu entwickeln: „Ein Serum, das gegen die Klapperschlange in Panama wirkt, kann gegen das Gift einer verwandten Art in einem anderen Land nutzlos sein“, sagt Kuch. Dieses Problem fand in den betroffenen Ländern lange Zeit wenig Beachtung, da Schlangenbisse üblicherweise eher die arme Landbevölkerung betreffen. Ulrich Kuch wurde während eines Forschungsaufenthalts zur Artbestimmung von Schlangen auf das Problem aufmerksam, als Ärzte vor Ort ihm von fehlenden Gegenmitteln bei vielen Schlangenbissen erzählten.

Julia Krohmer, promovierte Biologin, hatte an ihrem Stand ebenfalls Mitbringsel aus einem fernen Kontinent aufgebaut: Samen des afrikanischen Baobab-Baumes zu Beispiel, die voller Vitamin C stecken und von den Einheimischen „pur“ gelutscht oder zu Süßigkeiten verarbeitet werden. Heilpflanzen wie dieser Baum sind vom Aussterben bedroht, woran sowohl der Klimawandel als auch der Bevölkerungsdruck ihren Anteil haben: Durch steigende Temperaturen verschieben sich Klimazonen und mit ihnen die Lebensbedingungen für einheimische Pflanzen, und wegen der steigenden Zahl der Einwohner steigt gleichzeitig der Verbrauch an Pflanzenprodukten. Hinzu kommt, dass diese Pflanzen in der Regel nicht kultiviert werden, sondern der wilde Bestand genutzt und auf diese Weise dezimiert wird. Außerdem finden auch die Industriestaaten zunehmend Interesse an traditionellen Produkten, zum Beispiel an für zahlreiche Kosmetika verwendeter Shea-Butter, die aus dem Karitébaum gewonnen wird.

Für die Einheimischen sind die Pflanzen und deren Nutzung nach wie vor überlebenswichtig, sie sichern etwa 40 Prozent der Einnahmen eines durchschnittlichen Haushalts – der Anteil ist umso höher, je ärmer die Familien sind. Die nutzbringenden Pflanzen werden in einem besonderen Projekt geschützt: „Wir haben in einem Dorf gemeinsam mit den Leuten, die dort wohnen, einen geschützten Garten angelegt, in dem die zehn wichtigsten Heilpflanzen – unter ihnen natürlich auch der Baobab- und Karitébaum – kultiviert werden. Was mich besonders freut: Andere Dörfer haben sich das als Vorbild genommen und eigene Gärten eingerichtet“, berichtete Julia Krohmer. Für sie ist dieses Projekt ein gutes Beispiel dafür, wie Wissenstransfer aus der Forschung funktionieren kann: Wissenschaftliche Erkenntnisse dienen dazu, Lebensbedingungen vor Ort zu verbessern, und dies auf der Basis eigener, traditioneller Mittel – in diesem Fall der Nutzung einheimischer Heilpflanzen.

Nicht alle BiK-F-Wissenschaftler reisen für ihre Arbeit so weit wie Kuch und Krohmer. Sarah Cunze findet ihre Forschungsobjekte in ihrer direkten Umgebung – zum Beispiel auf der Zeil, der berühmten Einkaufsstraße mitten in Frankfurt.

Die Doktorandin beschäftigt sich mit Ambrosia, einer hoch allergenen, also extrem allergieauslösenden Pflanze. „Die wurde nach Deutschland eingeschleppt und verbreitet sich seitdem rasant“, berichtet Cunze. Am Stand konnten die Besucherinnen und Besucher eine etwa halbmeterhohe Ambrosia von der Zeil bewundern und per Mikroskop Pollen dieser Pflanze genauer studieren. Direkt nebenan informierten Experten vom Deutschen Wetterdienst über klimatische Veränderungen im Land.

Der abendliche Höhepunkt des Klimatags im Senckenberg Naturmuseum war der Vortrag „Klimawandel und Gesundheit – neue Risiken durch Insekten“ von Prof. Sven Klimpel, Leiter der BiK-F-Projektgruppe „Medizinische Biodiversität und Parasitologie“.

Diesen Vortrag können Sie sich online bei DRadio Wissen anhören – mehr Infos hier.

Welche Insekten werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu uns kommen – und welche gesundheitlichen Gefährdungen ergeben sich daraus? Diese Frage stand im Zentrum von Sven Klimpels Ausführungen. So könnten sich wegen der steigenden Temperaturen fremde Mückenarten wie die Sandmücken in wenigen Jahren bei uns etablieren, berichtete der BiK-F-Forscher. Diese können Krankheiten übertragen, etwa Leishmaniose; besonders in Süddeutschland sind schon einige Fälle dieser gefährlichen Infektionskrankheit aufgetreten. Aber auch einheimische Gnitzen – kleine Mücken, die nicht länger als drei Millimeter sind – können eingeschleppte Krankheiten übertragen, etwa das Blauzungenvirus.

Die Invasion von Tierarten, die Krankheitserreger übertragen können – in der Fachsprache Vektoren – ist übrigens kein neues Phänomen. So wurde beispielsweise im Jahr 1999 das West-Nil-Virus über eine infizierte Mücke via Flugzeug nach Nordamerika eingeschleppt und führte dort in den Jahren 1999 bis 2008 zu einer Epidemie von Osten nach Westen. Und nicht nur Vektoren profitieren vom Klimawandel: Milde Winter führen dazu, dass viele Bucheckern gedeihen, die Nahrungsgrundlage für Mäuse. Aufgrund der guten Ernährungssituation werfen diese nicht nur einmal, sondern mehrmals innerhalb eines Jahres – die Zahl der kleinen Nagetiere steigt, und mit ihnen die Zahl der Mäusevektoren, die Hanta-Viren-positiv sein können. Der Infektionsweg verläuft dabei nicht immer von Insekt zu Mensch, erklärte Klimpel, sondern oft auch über den Umweg eines Zwischenwirts: Ein Wildtier wird infiziert und überträgt den Erreger auf einen Menschen, wenn der zum Beispiel nicht ausreichend durchgegartes Fleisch dieses Tieres isst.

Auch darüber, wie die Arbeit seines Forscherteams aussieht, berichtete Sven Klimpel. Rufen beispielsweise Bauern wegen einer mysteriösen Fliegenplage auf ihren Felder an, rücken die Wissenschaftler an, fangen und töten eine größere Zahl an Fliegen – das können durchaus 100 bis 1500 Exemplare sein –, um die Arten sowie die Erreger zu bestimmen, die diese Tiere übertragen, zum Beispiel EHEC. Um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern, ist es beispielsweise sinnvoll, die jeweiligen Reservoirwirte zu behandeln – dann werden nachweislich weniger Menschen krank. In der Forschung gibt es derweil noch viele offene Fragen zu klären – zum Beispiel weiß man noch nicht, ob bestimmte Erreger in Insektenvektoren überwintern können.

Text / Fotos: Wiebke Peters

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