Gesundheitsfalle Arbeitsplatz

V.l.n.r.: Dr. Christoph Bartels, Prof. Uwe Kleinbeck, Moderatorin Birgid Becker, Prof. Jürgen Wasem und Prof. Ursula Walkenhorst

Eine Podiumsdiskussion in Bochum darüber, wie ungesund Arbeit ist – und was sich daran ändern lässt

Die gesamte Podiumsdiskussion sowie die einzelnen Statements stehen hier zum Anhören bereit

Es war ein durchaus geeigneter Ort, um über das Thema Gesundheit und Arbeit zu diskutieren: Im Deutschen Bergbau-Museum fand die erste der beiden hochkarätig besetzten Podiumsdiskussionen des Projekts „Gesundheit! Mehr Wissen im Museum“ statt. Die vier Expertinnen und Experten waren gekommen, um über das Thema „Gesundheitsfalle Arbeitsplatz?“ zu diskutieren. Inwieweit macht Arbeit krank – und was lässt sich daran ändern?, lautete die Leitfrage des Abends. Die Diskutanten setzten sich aus vier unterschiedlichen Perspektiven – historisch, psychologisch, ökonomisch und medizinisch – mit dem Thema auseinander, wobei alle vier zu Beginn des Abends mit einer kurzen Stellungnahme in „ihre“ Perspektive einführten. Christoph Bartels, promovierter Montanhistoriker und Forscher am Bergbau-Museum, berichtete, dass Arbeitsplätze im deutschen Bergbau in punkto Gesundheitsrisiko erst seit den 1950er Jahren mit anderen Industriearbeitsplätzen vergleichbar waren. Gesundheitsfürsorge hat, nicht zuletzt wegen der großen körperlichen Gefahren, eine lange Tradition im Bergbau: Bereits 1260 wurde die erste Bruderschaft zur Gesundheitsvorsorge gegründet, 30 Jahre später das erste Hospital; das Versicherungsprinzip „Beitrag gegen Leistung“ gibt es seit dem 18. Jahrhundert. So unfall- und krankheitsanfällig der Bergbau auch ist: Bartels machte klar, dass ein Arbeiter, der nicht in früher Jugend krank oder während seines Arbeitslebens zum Unfallopfer wurde, besonders gute Chancen hatte, bis ins hohe Alter fit zu bleiben. Da die Versorgungsansprüche in früheren Jahrhunderten mager waren, arbeiteten viele noch als Greise; Bartels berichtete vom historisch belegten Fall eines 100-jährigen, der noch für leichtere Arbeiten in der Grube eingesetzt wurde.

Der emeritierte Arbeitspsychologe Uwe Kleinbeck, der als nächstes sprach, eröffnete seine Ausführungen mit einem Zitat von Kurt Lewin: „Die Arbeit hat zwei Gesichter, sie besteht aus Mühe und Last, ist aber auch bereichernd und sinnstiftend.“ Klassische Industriearbeitsplätze schienen vor allem aus ersterem zu bestehen. Ob sich das ändern lässt, erforschte Kleinbeck in dem großangelegten Forschungsprojekt „Humanisierung der Arbeitswelt“, das in den 1980er Jahren lief. Untersucht wurden vor allem Arbeitszufriedenheit und Fehlzeiten – bis zu 15 Prozent aus Krankheitsgründen fehlende Belegschaft sei keine Seltenheit gewesen, berichtete Kleinbeck. Heute habe sich das Problem in die Dienstleistungsberufe verschoben, besonders gefährdet seien Lehrer- oder Pflegeberufe. Zentrale Bedrohung für das Wohlbefinden und die Gesundheit sind Überfrachtung, emotionale Dissonanz – zum Beispiel freundlich sein zu müssen trotz unfreundlicher Kundschaft – sowie soziale Konflikte im Kollegenkreis, die etwa durch „Nasenprämien“ entstünden. Die Lösung, die Kleinbeck und sein Forscherteam den Bossen präsentierten und die er auch noch heute empfiehlt: „Arbeitgeber sollten Motivationspotenziale schaffen, vor allem durch mehr Selbst- und Mitbestimmung“.

Gesundheitsökonom Jürgen Wasem widersprach diesem Vorschlag: Wahlmöglichkeiten und eine hohe Qualität der Arbeitsaufgaben führten zu „Optionsstress“. Er selbst bemitleide zuweilen seine Mitarbeiter, die keinerlei Pflichtzeiten im Büro hätten, aber durch die Möglichkeit, überall Laptop oder Mobiltelefon einschalten zu können, letztlich länger arbeiteten als vertraglich vorgesehen. Die Crux liege woanders: Nicht der Krankenstand sei das Problem, sondern der Präsentismus, also bezahlte Anwesenheit am Arbeitsplatz, die nicht produktiv ist. Dennoch sei Gesunderhaltung eine wichtige Herausforderung: „Der Fachkräftemangel wird zunehmen, und wir müssen zusehen, möglichst viele Leute produktiv im Job zu halten“, betonte Wasem. Dass Präventionsmaßnahmen, wie zum Beispiel Verbesserung des Arbeitsplatzes oder Qualifizierung, wirksam sind, davon seien laut Umfragen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zwar überzeugt. Wissenschaftlich nachgewiesen sei dies aber nicht: „Es ist schwierig, harte Daten zu generieren, zum Beispiel durch den Vergleich mit einer Kontrollgruppe – es gibt zu viele externe Störfaktoren, um wirklich beurteilen zu können, ob eine Verbesserung an einer gesundheitsfördernden Intervention lag oder doch eher an etwas anderem“, stellte Wasem klar.

Ursula Walkenhorst, Professorin für Ergotherapie an der HGS Bochum, sah das anders: Werde ein Arbeitsplatz mit dem „Fachblick“ einer geschulten Person überprüft, könnten die Arbeitsbedingungen deutlich verbessert werden – jedenfalls auf der körperlichen Ebene. Frühzeitige Interventionen am Arbeitsplatz seien dabei auch in besonderen Phasen des Berufslebens wichtig, wie dem Übergang in den Ruhestand oder der Wiedereingliederung nach einer längeren Arbeitspause.

Über den grundsätzlichen Handlungsbedarf war sich das Podium einig: Arbeit macht krank, und die Aufrechterhaltung der hohen Produktivität durch gesunde Facharbeiter ist unabdingbar – nur so kann die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft erhalten bleiben. Soweit die Theorie – doch wie sieht es in der Praxis aus? Schlecht, wie der Wortbeitrag von Eva-Maria Böttcher zeigte, einer Vertreterin der IG Metall, die für den Bereich Früherkennung psychischer Krankheiten am Arbeitsplatz zuständig ist. „Meiner Beobachtung nach werden alle, die nicht topfit sind, rausgemobbt. Durch Leiharbeit ist der Konkurrenzdruck enorm hoch“, sagte sie. Gesundheitsfördernde Maßnahmen, berichtete Böttcher weiter, dienten überhaupt nicht ihrem ursprünglichen Zweck: „Unserer Erfahrung nach wird betriebliches Wiedereingliederungsmanagement vor allem dazu genutzt, missliebiges Personal rauszudrängen“. Eine Erfahrung, die die Experten auf dem Podium bestätigten. „Wir brauchen eine neue Arbeitsethik“, befand Ursula Walkenhorst, „und die darf nicht mehr lange auf sich warten lassen – das können wir uns nicht leisten.“

Einfache Lösungen beziehungsweise Antworten gibt es allerdings nicht, wie eine weitere Frage aus dem Publikum zeigte: Warum es möglich sei, dass so viele Angestellte Missbrauch trieben mit Krankmeldungen, wollte ein älterer Herr wissen – er selbst habe das in seinem Betrieb über Jahre beobachtet. Seine Antwort illustrierte Jürgen Wasem mit einem bekannten Phänomen: Je besser es der Wirtschaft gehe, umso mehr Arbeitnehmer meldeten sich krank – ob dies allerdings daran liege, dass sie die ‚günstige Lage‘ ausnutzten, oder eher daran, dass ‚gute Zeiten‘ ein realistischeres Bild des Krankenstandes liefern, weil dann kranke Menschen tatsächlich zu Hause bleiben, anstatt sich leidend an den Arbeitsplatz zu schleppen, wisse man nicht.

Zum Ende erweiterte Christoph Bartels den Blick auf andere Länder: So habe man in Deutschland erreicht, Arbeitsplätze im Bergbau so sicher wie möglich zu machen – für den globalen Arbeitsmarkt gelte das allerdings nicht, „die Arbeitsbedingungen, unter denen dort heute gearbeitet wird, sind für Leib und Leben katastrophal.“ Die Runde schloss mit Wünschen der Experten an den idealen Arbeitsplatz: Kein Termindruck, keine übermäßigen Belastungsspitzen, die Möglichkeit, motiviert an den Arbeitsplatz zu gehen, waren Dinge, die aufgezählt wurden – das klingt gut, allerdings tatsächlich eher nach einer Arbeitswelt von übermorgen.

Wiebke Peters

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